Regen von Vanillaspirit (Challenge-Antwort) ================================================================================ Gebrochene Kinder ----------------- Es regnete. Ein feiner Nieselregen, der ihren Körper einhüllte. Die Tropfen waren zu fein um ihre Kleidung zu durchdringen, dennoch spürte sie die kalte Feuchtigkeit. Es war genau wie damals. Kin sammelte die letzte Kraft und drehte ihr Gesicht zur Seite. Mit einem leisen Seufzer ließ sie ihren Kopf auf den feuchten Waldboden fallen. Sie erwartete den Geruch von verbranntem Fleisch, von Blut und Schlamm, doch der feine Regen wusch alles weg. Ihre trüben Augen bewegten sich und schließlich blieb ihr Blick an Zaku hängen. Sein Körper lag merkwürdig verkrümmt da. Sie konnte den blutigen Armstummel sehen, der unter seinem Bauch lag. Langsam, sehr langsam hoben sich seine Schultern und mit einem Knurren drehte er sich auf den Rücken. Auch er war erschöpft. Sein Blick richtete sich gen Himmel. Mit offenen Augen starrte er dem unablässigen Regen entgegen. Kaum sehbare, feine Wasserfäden fielen zur Erde. Kin runzelte die Stirn. Es nieselte schon den ganzen Tag und machte es ihr unmöglich das Krankenhaus zu verlassen und zumindest etwas Abwechslung zu finden, dabei war es während der ersten Runden des Examens so schön sonnig gewesen. „Gibt es in diesem verdammten Dorf denn nur noch Regen?“ fragte sie gereizt in den Raum hinein, als sie sich vom Fenster abwendete. Zaku antwortete ihr nicht. Missmutig starrte er an die Decke. Er hatte keine Lust sich mit der Kunoichi zu unterhalten, was sie dennoch nicht davon abhielt jeden Tag zu kommen. Besagtes Mädchen kam auf ihn zu. Er konnte ihre federnden Schritte hören, die vor seinem Bett stoppten. „Hey, hörst du mir zu?“ Kin schnippste gegen seinen bandagierten Armstummel. Augenblicklich schreckte er mit einem Schmerzensschrei hoch und funkelte sie wütend an. „Hast du ’nen Knall?“ brüllte er wütend, während er vorsichtig über seine Verletzung strich. Die Kunoichi zuckte nur mit den Schultern. „Ich dachte, du wärst eingeschlafen.“ Er grummelte nur und drehte ihr den Rücken zu. Mit seiner gesunden Hand stopfte er das Kissen unter seinen Kopf und versuchte sie wieder zu ignorieren. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Diese Furie konnte man nicht unbeachtet lassen, das ließ sie partout nicht zu. Die Matratze gab kurz nach, als sie sich mit Schwung auf das Bett setzte. Zaku schloss die Augen. Vielleicht würde sie gehen, wenn sie glaubte er würde schlafen. Aber auch das konnte sie nicht vertreiben. Nach einer Weile dreht er seinen Kopf und blickte sie über die Schulter hinweg an. „Was um Himmels Willen willst du hier?“ fauchte er genervt. Kin zuckte kurz zusammen, bevor sie zurück funkelte. „Vielleicht interessiert es dich ja, dass sie Dosu gefunden haben.“ Zaku schnaubte. Was interessierte es ihn, was mit Dosu war? Momentan hatte er ganz andere Probleme, als sich um den Spinner zu kümmern. „Tut es nicht.“ „Er ist tot.“ Kin erklärte es mit nüchterner Stimme. Einen Moment lang blickte sie ihren Kameraden an, bevor sie das genervte Gesicht nicht mehr ertragen konnte und wieder aus dem Fenster schaute. „Wir müssen alle mal sterben“, grummelte Zaku und drehte sich wieder um. Kurz herrschte Schweigen, dann konnte er hören, wie dieses nervige Mädchen Luft holte, um wieder etwas sagen zu können. Er seufzte innerlich. Konnte er nicht einmal seine Ruhe haben? Zum Teufel auch. Was ging ihn Dosu an? Der hatte es nun hinter sich. Ninjas sterben nunmal. „Du weißt, dass wir nicht nach Otogakure zurückkehren können.“ Es war eine Feststellung des Mädchens. Ihre Stimme war weniger beißend als sonst, nicht mit annähernd soviel Stolz und Arroganz geschwängert. Ihre Finger krochen über das Laken und streiften leicht seinen Rücken. Zaku zuckte zusammen und drehte sich sofort zu ihr um. Noch immer schaute sie aus dem Fenster. Ihr Blick starrte ins Nichts hinaus und von dem Mannweib, welches ohne zu zögern Verbündete töten würde, war nichts mehr übrig geblieben. Der Junge blickte sie eine Weile an, bevor er registrierte, dass ihre Hand auf seinen Arm gewandert war. Ihre Lippen zitterten leicht. Sie wusste, dass ihre Zeit abgelaufen war. Sie würden nicht nach Otogakure zurückkehren und auch sonst nirgendwo hin. Beide wussten, dass ihr Weg nun zu Ende war. Sie hatten ihren Zweck erfüllt und waren nun von keinem Nutzen mehr. Kurz schielte sie zu Zaku, als sie spüren konnte, wie seine Hand unter ihrer zuckte, bevor er sich befreite und ihre eigenen, kalten, zitternden Finger auf seinen Bauch drückte. Sie hatten sich nie besonders nahe gestanden und hätten sich ohne zu zögern gegenseitig geopfert, wenn es die Mission verlangt hätte. Sie waren nie Freunde gewesen, nur eine zusammengewürfelter Haufen aus Werkzeugen, die sich gegenseitig benutzten. Eigentlich war sie auch nur in diesem Zimmer, weil sein Gesicht das einzig vertraute an diesem Ort war. Doch nun standen sie beide dem Unausweichlichen gegenüber und es war ein Trost dabei nicht allein sein zu müssen. „Hört es eigentlich nie auf zu regnen?“ Kin starrte weiterhin zu Zaku. Sie konnte sehen, wie sich seine Brust immer wieder hektisch hob und senkte. Er war, trotz seiner Verletzungen vom Examen, wesentlich kräftiger und fitter als sie. Er würde das ganze noch etwas länger durchstehen müssen. Er drehte sein Gesicht und blickte sie an. Etwas Regenwasser, das sich angesammelt hatte, rollte als dicker Tropfen von seinem inneren Augenwinkel die Wange entlang. Er hatte seine Hand auf die Stichwunde auf seinem Bauch gepresst. Unablässig sickerte Blut zwischen seinen Fingern hervor. Kin schloss die Augen einen kurzen Moment und ließ die Kälte durch ihren sterbenden Körper kriechen. Als sie diese nach einer halben Ewigkeit wieder öffnete, sah sie Zaku mühevoll und mit schmerzverzerrtem Gesicht heran kriechen. Mit einem kraftlosen Seufzen ließ er sich in das feuchte Gras fallen und streckte seine Hand nach ihr aus. Wieder schloss sie die Augen und spürte, wie der Nieselregen ihr Gesicht streichelte. Sie hörte leises Tröpfeln und Rascheln im Gras. „Hey, Kin ...?“ Langsam öffnete sie die Augen und schaute Zaku ins Gesicht. Er wirkte fast erleichtert. Seine kalten, nassen Finger ruhten auf ihrer Wange und verschmierten einen Tropfen hellroten Blutes. Langsam zog er die Fingerspitzen zurück, unterbrach aber nicht den Blick in ihre trüben Augen. Es brannte wie Feuer in ihren Lungen, als sie einen letzten, tiefen Atemzug nahm und sich ihre leise, gebrochene Stimme aus ihrer Kehle quälte. „Es hört wohl nie auf zu regnen.“ Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)